Meine Liebe ist ein Brokatkarpfenteich 

Ich sitze in meinem Baumhaus, in Seide gehüllt, und starre auf die Wand. In den Ritzen und der Maserung kann ich die Anklage sehen. Wie oft willst du es noch versuchen?


Ich sah dich auf einer Bühne. Du last einen Text über Gefangenschaft und in deine Stimme schmiegte sich etwas, das du in einer anderen Sprache gelernt haben musstest. Du warst ein Vogel, und wenn man die Augen zusammen kniff, konnte man dich da sehen, wo der Horizont das Blau des Himmels und des Ozeans trennte. 

Ich sah mich, wie ich dich joikte, obwohl ich wusste, dass dir das fremd ist. Ich sah dein Unbehagen und mein Bedauern. Ich sah, wie der Gesang deine Kehle zuschnürte und  wie ich mich umdrehte und verschwand.

Ich sah dich an einer Litfaßsäule. Deine Füße scharrten über den festgetretenen Sandboden, dort, wo kein Gras mehr wuchs und sich die letzten Sonnenstrahlen des Abends in den Glasscherben brachen. Dort, wo früher Kinder Fangen gespielt hatten, vielleicht auch wir, und heute höchstens mal ein Hund sein Bein hebt, bevor er davon gezerrt wird.

Ich sah dich auf deinem Fahrrad zwischen den Feldern, die Arme ausgebreitet wie Schwingen, die Finger deiner Hände gespreizt, so dass dazwischen der Fahrtwind Platz hatte. Vom Gepäckträger fiel gerade der Flieder und hinterließ eine Spur, die nach Lila und Aufbruch roch. 

Ich sah dich bei deiner Verbeugung, und darin dein ganzes Leben. 

Ich sah, wie du über das Holz strichst,  das dein Vater geschliffen hatte, und wie sich der Splitter in deine Haut schob. Ich sah, wie du zuerst die Lupe, und als du gesättigt warst, die Pinzette aus der Samttasche zogst. Ich sah, was du meintest, als du das Stückchen Baum in ein Reagenzglas gleiten ließt und warum du es bis heute aufbewahrt hast.

Ich sah dich auf meinem Bildschirm und durch den Hörer meines Telefons. Dein Finger drückte den Auslöser der Kamera halb durch. Ich sah durch deine Augen, ich hier, du in Berlin, Hamburg, Leipzig. Ich sah sie lachen und mich weinen. Sah deine Worte und meine Stille, meine Stimme, dein Verstummen.

Ich sah, wie ich aufbrach. Wie ich ein Tuch auf dem Boden ausbreitete, wie in einer Zeremonie Gegenstände hineinlegte, mein Päckchen schnürte und an einen Bambusstab hängte. Wie ich auszog, um das Fürchten zu verlernen.

Ich sah, wie ich murmelte, ich komme wieder. Ich sah, wie ich versprach, uns zu heilen. Ich würde ein Kraut finden und dann würde ich mich an die Bachblüten meiner Mutter erinnern und an Reiki und Heilsteine. Ich würde in die Lehre gehen, die ersten Monate dürfte ich nur die Stube fegen und wenn ich dann nach zehn oder hundert Jahren gelernt hätte, achtsam zu sein, hätte ich mich neben dich gesetzt und geflüstert: 

Alles wird gut, solange du daran glaubst.

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