Es kommt vor, dass sich erst alles verschieben muss. An die Ränder dieser Stadt zum Beispiel. Viertel für Viertel tauschst du aus. Schaffst dir Übergangsriten. Streichst die Wände der alten Wohnung zum Beispiel. Schleppst Kisten hierhin und dorthin. Siehst einem Bruch beim Heilen zu oder spürst dem Schmerz nach, wie er kleiner wird und den seelischen mit sich nimmt. Du wischst tausendmal nach links und fünfmal nach rechts – das hier, das seh ich mir genauer an. Bis du endlich auch das eine, das einzige, das du niemals nach links wischen solltest, in Zeitlupe dorthin streichst. 

Zuerst hast du alles wie ein Schwamm aufgenommen. Was du nicht aufgesogen hast, ist an deiner Membran abgeprallt. Durstig hast du alles absorbiert und nur weniges abgestoßen. Und dann hast du Tropfen für Tropfen wieder an deine Umgebung abgegeben. 

Manchmal passiert es, dass du dich über dich selbst wunderst. Oder über die Abwesenheit von Leid. Vielleicht hast du deine Lektion doch gelernt, in den letzten Monaten und Jahren. Vielleicht musstest du dich neu aufbauen, Zelle für Zelle, Stein für Stein aus dem großen Legochaos, das sich vor deinen Knien ausgebreitet hatte, mit großer Sorgfalt und Akribie auswählen und zu einem Gebilde zusammensetzen, das zwar bis in alle Ewigkeit eine Baustelle bleiben wird, aber nun zumindest aussieht wie ein Gebäude.

Vielleicht hattest du auch Hilfe. Ganz sicher hattest du die. Immer dann, wenn jemand vorbei kam und einen Stein mitbrachte. Ihn einsetzte. 

Vielleicht musstest du Abstand gewinnen, die Drina überqueren und aus der Ferne auf die Brücke schauen. Vielleicht musste dir jemand einen Kompass in die Hand drücken. Vielleicht musste jemand in Bildern sprechen. Vielleicht musstest du dieses Land erst vermessen, bevor du es verlassen konntest. Vielleicht musstest du es erst kartographieren, ehe du an seine Ränder ziehen konntest. Vielleicht musstest du tatsächlich erst einmal räumliche Distanz schaffen. Vielleicht musste jemand deine Glaubenssätze umprogrammieren, Satz für Satz, mit einer beeindruckenden Geduld. Vielleicht war dieser Jemand in Wirklichkeit Viele. Vielleicht warst es auch du. Und vielleicht waren es auch Bilder in sozialen Medien. Die Verfolgung von Zielen. Das Malen einer Zukunft. Das Einlassen auf Alternativen.

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