#80 Eine starke Frau

„Wie Mikroorganismen frei im Wasser schwimmen, so schweben wir frei in der Luft, finden zueinander, entfernen uns voneinander. Das große Ganze nicht recht begreifend, gehen wir voran oder lassen uns gehen, sind nachgiebig oder hartnäckig; ein kleines Teilchen im quirligen Leben.“

Eisenstangen für eine Kunstinstallation, Leonard Cohens Musik, ein entgegenkommendes Fahrzeug, ein Aufprall – und mittendrin die Ich-Erzählerin Sayoko, an der dieses traumatische Erlebnis nicht ohne Blessuren vorübergeht. Nach einer Nahtoderfahrung, weiß die Protagonistin: Ihr Freund Yoichi, der Fahrer des Wagens, ist tot. Sayoko kommt mit einem geschundenen Körper davon und steht nun vor der Aufgabe, sich ihr Leben zwischen Festhalten und Loslassen, zwischen Tokyo und Kyoto, alter Liebe und neuen Bekanntschaften einzurichten.

Banana Yoshimoto zeichnet eine starke Frau, die mit dem Verlust ihres Geliebten und ihrer äußeren wie innerlichen Veränderung umzugehen lernt. Langsam tastet sie sich aus dem Dasein der Verletzten in eine neue Selbstbestimmtheit hinein. Zur Seite stehen ihr dabei ihre und Yoichis Familie und zwei neue Bekanntschaften, die ähnliche Schicksale erlebt haben. Sayoko und ihre neuen Freunde Ataru und Shingaki eint eins: Sie leben im Hier und Jetzt, in das sich eine Zwischenwelt einwebt – ein Früher, welches sich weder zurückholen noch überwinden lässt. Alle drei haben sie ihre eigenen Methoden mit ihrer Trauer umzugehen und der Toten zu gedenken, keiner von ihnen kann sich innerlich gänzlich losmachen. Da geht es ihnen ähnlich wie den Geistern der Verstorbenen, die Sayoko nach dem Unfall aufgrund ihrer Kopfverletzung zu sehen beginnt.

Mit „Lebensgeister“ beschenkt uns die Autorin mit einem Roman in Yoshimoto-Manier. Wer einen Einblick in die Landeskunde Japans erhalten möchte, bekommt hier ein paar kleine Anregungen. So werden Volksliedtexte und Namen japanischer Speisen eingestreut, oder Bezüge zu Mangas und anderer Literatur hergestellt. Die Lektüre des Buches geht dennoch dank des lebendigen Schreibstils leicht von der Hand.

Rezension zu: Banana Yoshimoto (2016) – Lebensgeister. Erscheint im Diogenes-Verlag.

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