#71 Was mache ich hier eigentlich?

(Foto: CC0 Dominik Martin/Unsplash)

Gestern früh las ich einen ins Deutsche übersetzten Artikel von Laurie Penny. Dann beobachtete ich mich selbst, schaute mir die letzten Wochen unter dem Mikroskop an und dann fragte ich mich:

„Was mache ich hier eigentlich?“

CC0_Brina Blum

(Foto: CC0 Brina Blum/Unsplash)

Es ist noch nicht lange her, da brauchte ich selbst Menschen, die zuhören, mich in den Arm nehmen, auf mich aufpassen. Ich habe das eingefordert, ohne es deutlich zu sagen. Ich hatte so viel zu erzählen, dass ich verstummt bin.

Nun sitze ich da und höre zu. Ich werfe Kommentare ein, die nicht gehört werden. Vielleicht bedeuten sie nichts, vielleicht bedeuten sie alles. Ich höre mir selbst zu, wie ich Selbstliebe propagiere und das Alleinsein – das muss man doch können – und dass man wirklich auch alleine klar kommt und von den Freuden, die man sich selbst machen kann und von Liebe, die da ist, und dass das alles nicht so sein muss, und bla. Irgendetwas in mir möchte nicht, dass sich mein Gegenüber von Anderen abhängig macht, weil ich selbst gerade versuche, unabhängig zu sein – und mich dadurch verbundener fühle als je zuvor. Warum will ich ihm sagen, wie es seine Einsamkeit heilen kann, wenn ich es doch selbst nicht so richtig weiß, weil sie mich immer noch anspringt. Warum fühlt es sich so furchtbar an, wenn meine Ratschläge nicht gehört, nicht wahrgenommen, einfach übergangen werden. Warum fühle ich mich überhaupt verantwortlich für diesen anderen Menschen?

Und da ist auch wieder dieses Gefühl, dass mir ein anderer Mensch zu nah, zu viel ist. Ich fühle mich hilflos im Umgang, überfordert in den Erwartungen, die vielleicht an mich gestellt werden, ohne dass sie offen geäußert werden. Ich bin zerrissen zwischen Akzeptanz des Anderen, so verschieden wie er von mir ist, und dem Wunsch, ihn in ein Leben zu pressen, das ich für gesund halte. Normierung. Normalisierung. Weg von der schleichenden Selbstaufgabe.

Ich merke, wie mich die Dialektisch-Behaviorale Therapie verändert hat und wie ich mit Unverständnis reagiere, in mir drin, nicht offen, wenn jemand nicht sieht, dass er sich schadet. Ich möchte helfen, aber meine Hilfe ist keine Hilfe. Ich möchte offen sein, aber meine Offenheit ist keine. Ich bin wie so ein militanter Vegetarier. Überzeugt von meinem Lebensstil. Und lasse mich doch so leicht verunsichern.

Wie reagiere ich am besten, wenn jemand sagt: Mach dir keine Sorgen, hier passiert nichts. Obwohl doch so viel passiert. Mit der Welt. Mit den Menschen. Wenn ich mich mit all dem nicht mehr auskenn und doch informierter bin als je zuvor. Wenn ich mehr weiß, mehr sehe, mehr hinschaue und mehr mitfühle, wo vorher alles fremd und weit weg und irgendwie egal war.

Wenn da immer wieder die Sorge ist: Hier geht alles zugrunde, was ich kannte. Niemand ist mehr glücklich, frei und unbeschwert, Depressionen sind eine Modekrankheit, Rassismus ist präsent und der Krieg rückt gefühlt immer näher, obwohl doch das alles immer da war, nur halt anders. Nichts ist mehr selbstverständlich – und ich hab es immer noch verdammt gut. Ich bin immer noch so sicher, auch wenn die Sicherheit einen Riss bekommen hat. Ich kann immer noch anderen gegenüber sitzen, ihren Sorgen lauschen und denken, verdammt, hab ich es gut. Und wenn ich wollte, könnte ich nichts mehr hinterfragen und einfach nicken und sagen: Jaja, ist schon gut, ist nicht mein Bier.

Und doch: Das erste Mal in meinem Leben kümmert es mich. Dass die Dinge sich verändern, anders werden, als ich es kannte. Oder sich nicht verändern wollen, still stehen und sich in ihrem Elend suhlen. Das erste Mal bin ich nicht gleichgültig.

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