#70 Im Arztzimmer

Es ist still. Ich schaue auf meine Hände in meinem Schoß, auf seine rechte Hand auf der Computermaus, auf seine linke, die den Notizblock hin und her schiebt auf den er meine Medikation gekritzelt hat. Mein Blick gleitet über seinen weißen Kittel, das Etikett, seine Brille, hinüber auf den Bildschirm, über den er meine Laborwerte scrollen lässt und sich durch die Arztbriefe klickt. Er sagt kein Wort, ich bleibe stumm.

Sie hat ihn ins Zimmer geschoben, an ihren Schreibtisch und nun sitzt er mir gegenüber. Nach der Frage nach meinen Beschwerden herrscht diese Stille. Er redet nicht mit mir und ich schwanke zwischen „Ist mir egal“ und dem Wunsch ihm zu sagen, dass ich ihm auch erzählen kann, was er auf dem Monitor sieht.

Zweimal schauen wir uns an, in die Augen, lächeln, lächeln über diese Stille, die uns verbindet und trennt, über das, was ungesagt bleibt, über das, was er durch seine Lektüre über mich erfährt. Ich überlege, welches Bild er von mir hat. Was er denkt, während er das liest und welches Urteil er fällt. An einem Punkt macht er ein schockiertes Gesicht und ich frage mich, welches Detail die Entgleisung seiner Gesichtsmuskeln ausgelöst hat.

Ich möchte ihn fragen, was er hier tut. Ob er studiert. Ob er hier ein Praktikum macht. Und verdammt nochmal, warum er nicht redet. Doch ich sage nichts und lasse meinen Blick weiter über ihn, den Schreibtisch und meine Hände schweifen.

Beklemmend wird es, als sie herein kommt. Sich an ihren Schreibtisch setzt und fragt, ob wir uns unterhalten hätten.

Foto: Death to the Stock Photography

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