Liebeskummer ist furchtbar. Noch furchtbarer ist er, wenn er sich festgesetzt hat, alles durchfrisst, alles durch alle Schichten hindurch und jede einzelne Faser durchwirkt. Wenn’s nicht mit drei Tafeln Schokolade und einer durchzechten Nacht getan ist. Wenn’s nicht bei einem nächtlichen Anruf aus der Telefonzelle und einer Großpackung verbrauchter Taschentücher bleibt. Wenn diese enttäuschte Liebe Triebe schlägt oder wie ein Wespennest ist: Nicht entfernbar. Wenn du daran arbeiten musst, an dir, an dem Kummer, an dem, was darunter liegt, monate-, jahrelang. Wenn das nicht einfach irgendwann vergessen ist, sondern ein Prozess. Wenn du Menschen brauchst, die das begleiten, die dich leiten, die dir zeigen, wie das geht. Die dich nicht für kaputt halten, weil etwas in dir kaputt ist, oder wenn doch, dir den Sekundenkleber zum Reparieren hinhalten.

Und dann, eines Tages, bemerkst du es. Dass es unbemerkt verschwunden ist. Und dann fragst du dich:

Wann fing das eigentlich an, das mit dem Wirken und Funktionieren? Wann begann der wissenschaftlich fundierte Hokuspokus Wurzeln zu schlagen und Knospen zu tragen? Wann fing ich an, die Löcher zu stopfen und die Lücken zu schließen? Woher kam der Punkt, an dem ich sagte: Hey, ist schon okay so, ist jetzt gut, du musst nichts mehr erzwingen? Wer hat das ins Rollen gebracht? Wer hat das angestoßen? Seit wann muss ich nicht mehr, seit wann ist aus dem Müssen ein Können geworden? Wann hat es dieses klickende Geräusch gegeben, wie wenn zwei Bowlingkugeln aneinanderstoßen? Wann habe ich das Pflaster gelöst und darunter geheilte Wunden, genesene Haut gefunden? Wann habe ich verstanden, was mir nicht gut tut? Wann habe ich aufgehört, für dich zu schreiben? Wie ist das passiert?

War es die Kombination, ein Zusammenspiel, die Summe der Versuche, etwas zu bewirken, etwas zu ändern, in mir, in meinem Herzen, in meinen Gedanken? Kann es wirklich sein, dass die lange Arbeit nun greift?

Vielleicht war es die dreimonatige stationäre DBT, die geduldigen Schwester und die unnachgiebige Therapeutin, die Mitpatientinnen, die verstanden haben, die Fertigkeiten, das Loslassen des emotionalen Leids, das entgegengesetzte Handeln, die Realitätsüberprüfung, die radikale Akzeptanz. Vielleicht war es der Moment, in dem ich den stärksten meiner Glaubenssätze ersetzte, weil es nicht passte, weil es nicht stimmte, weil es sich grundlos in meinen Kopf gebohrt hatte. Als ich aufhörte, ihn wie ein Mantra zu wiederholen und neue Worte fand für das, was mit mir los war, für das, was ich tat. Als ich begann, fair mit mir selbst zu sein und mich nicht mit Schuldgefühlen zu beladen. Als ich lernte, dass ich eine Wahl habe. Dass ich anders handeln kann. Und dass ich keine Verantwortung trage für die Gefühle anderer, nur ihr Auslöser sein kann.

Vielleicht war es der Umzug. Raus aus der Wohnung in der Innenstadt, raus aus dem Trott, rein in ein Wohnen, das Sinn macht und Freude bringt, rein in einen Alltag, der Eckpunkte hat. Vielleicht war es der Kater. Vielleicht die Gemüsekiste. Vielleicht war es mein Sohn. Vielleicht war es der Fußball. Vielleicht die Podcasts. Vielleicht Aikido. Vielleicht die Busfahrten. Oder das Warten. Vielleicht waren es die Rundmails und dann der Entschluss, dass es reicht, dass es genügt, dass ich es jetzt aus den Händen gebe.

Vielleicht war es die Wiederholung des Skills „Annehmen der Realität“. Abwehr, Zuwendung, Toleranz, Zulassen, Anfreunden. Vielleicht habe ich mich angefreundet.

Vielleicht war es der Therapeut als er zum zehnten Mal sagte: „Das tut Ihnen nicht gut.“ Vielleicht war ich es, als ich ihm zuhörte, einmal, zweimal, zehnmal, und mir schließlich selbst immer wieder sagte, dass es mir nicht gut tut. Als das mein Credo wurde. Vielleicht war es, als ich aufhörte, über den anderen nachzudenken, und anfing, auf mich zu schauen.

Vielleicht war es all das. Oder nichts. Vielleicht war es einfach plötzlich da.

Ja, ich schaue mich immer noch um. Ja, ich suche immer noch in den Gesichtern. Aber wann begann es, nicht mehr gruselig zu sein, keine Angst mehr zu machen, keine Traurigkeit auszulösen? Ab wann war es einfach nur noch okay?

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