Ich schrecke aus dem Traum hoch und denke, jetzt muss ich meinen Therapeuten anrufen und ihm sagen, dass ich mir schon wieder selbst weh getan habe. Dass ich mit meinen Gedanken nicht sorgsam umgegangen bin. Aber was soll ich machen, es geht halt doch nicht vorbei.

Ich habe geträumt, ich müsste operiert werden. Ich gehe durch die Gänge der Klinik, ein Teil ist durch weiße Planen verdeckt, da wird gebaut, und ich fürchte mich vor, ich sehne mich nach einer Begegnung. Da sind kleine Stücke in mir, die kaputt gegangen sind. Irgendetwas stimmt mit mir nicht, irgendetwas muss gerichtet werden, an mir, in mir, bei mir. Da sind zu viele Gefühle in mir, die müssen repariert werden, das kann nur ein Spezialist. Um mich herum weiße Kittel und ich stehe da, mit dem Handy in der Hand, und wähle die Nummer meines Therapeuten, damit er mir sagt, was ich tun soll. Was ich in diesem Traum, der immer wieder kehrt, tun soll. Dass ich gehen soll. Dass ich den Ort verlassen soll. Weil ich keine neuen Wunden brauche, sondern Pflaster für die alten. Weil er die Stimme der Vernunft ist, immer, und ich nie auf ihn höre, mit dem Kopf durch die Wand renne, dorthin, wo ich etwas fühlen kann.

Der Tag ist nach dem Traum gelaufen, ich nah am Wasser gebaut. Ich fahre in die Stadt, schleiche durch Buchhandlungen und kann mich doch nicht entscheiden, weil der Liebeskummer zu groß ist, zu präsent, zu aufdringlich, jetzt geh doch endlich weg.

Ich setze mich auf den Campus, der bei diesem Wetter so voll ist wie das Freibad und wenn ich die Augen schließe, kann ich es hören und spüren, das Freibadfeeling. In mir der Impuls zu weinen. Der Impuls zu gehen. Der Impuls, mich zu erinnern, mein Gedächtnis anzustrengen. Ich sitze da zwischen Achtsamkeit und Dissoziation und kann mich nicht entscheiden.

Ich wende jedes Detail in meinen Händen. Jedes Detail, das ich kenne, das mir in den Sinn kommt, liebe ich. Jedes Detail verstärkt das Flüstern, das mir ins Ohr raunt, dass es das ist. Dass es verdammt noch mal genau das ist. Und dass genau das niemals sein wird. Dass ich deshalb diese Träume habe. Weil ich mich mit diesen Details zudecke, wenn ich schlafen gehe.

Und dann rät dir die Stimme: Dass du es verbannen musst, weil du sonst nicht aus der Vermeidung herauskommst. Weil du verpassen wirst, wenn du immer nur phantasierst. Weil du den Moment verpassen wird, in dem jemand in dein Leben tritt, bei dem nicht jedes Detail „Ja“ schreit, so laut es kann, der vielleicht einfach nur okay ist. Und dass du dann übersiehst, dass okay vielleicht auch reicht. (Tut es nicht. Tut es wirklich nicht.)

 

Dies ist mein 100. Post in diesem Blog.

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