#65 Die erste Woche Dorf.

[Headerfoto: Death to the Stock Photo]

Leise gleiten sie durch die Straße, die einmal durch den Ort führt, als gebe es keine Anstrengung, als müssten sie keine Kraft aufwenden, als zöge ein unsichtbares Seil sie über den Weg. Am liebsten mag ich ihre Helme, die als einzige von der Gefahr zeugen, die mit ihnen mitfährt. Ich mag, wie sie im Vorüberziehen Geschichte und Zukunft mit sich bringen, den Wind zerschneiden und sich scheinbar laut- und mühelos bewegen.

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Da sind Kleinmädchenträume, die erst mit Anfang 30 meine wurden. Da ist der Duft von Land, den ich immer schon mit Kindheit verband. Da reifen die Erdbeeren und sprießt der Salat. Da klingt aus dem Nebenraum der Ton des angeschalteten Fernsehers und lässt mich wissen, dass ich nicht alleine bin. Da gehen Leute ein und aus und aus und ein. Da poltert der Bus an meinem Fenster vorbei. Da weiß ich meine Tage genauso wenig zu füllen wie in der Einzimmerwohnung in der Innenstadt. Da besinne ich mich auf mich selbst. Da verschlinge ich einen Roman von Zsuzsa Bánk. Da spiele ich Galgenraten mit dem Kind und errate den Satz „Katzen sind süß, Mama ist nicht süß“.

Juni 2016 036
[Foto: Juliane Luttmann]
Da spielen wir Kubb im Gras und ich erinnere mich an Mölkky. Da denke ich weniger an Dich, obwohl ich jetzt mehr Worte, mehr Bilder, mehr Töne für dich habe. Da esse ich Salat aus der Gemüsekiste, den ich sofort abbestelle, als ich vom Salat im Garten erfahre. Da schreibe ich Bewerbungen, wie gewohnt, und hoffe, dass diesmal etwas dabei ist. Da lese ich über die isländische Nationalmannschaft und zwischendurch interessiert er mich doch, der Fußball, besonders dann, wenn mein Sohn ihn mir vermittelt. Da surfe ich durch die Webseite des Gymnasiums, das er bald besuchen wird. Da gibt es Streicheleinheiten für den Kater – von mir und von ihm, weil Katzen süß sind – und Streicheleinheiten für das Kind, dem ich nicht sagen darf, dass es ebenfalls süß ist. Da kann ich es immer noch nicht glauben. Da schreibt mich ein ehemaliger Nachbar an, den ich nie wahrgenommen habe, gerade als ich dabei bin, auszuziehen. Da komme ich langsam an, ordnet sich mein Krempel und mein Kopf, nur mein Herz, das schlägt so durcheinander, weil es das nicht lassen kann und immer einen Grund findet, festzuhalten. Da denke ich jeden Tag ein paar Sekunden daran, wie es wäre, wenn der Grund dafür an meine Tür klopfen würde mit dem absurden Satz auf den Lippen „Ich war grad in der Gegend“.

Juni 2016 014
[Foto: Juliane Luttmann]
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