#61 Wo leben?

Da ist er, der Kloß im Hals. Der Traum vom Leben einen Fingerdeut entfernt, reißt dich ein Satz, ein Vorschlag, gut gemeint und doch nicht uneigennützig, hallo schlechtes Gewissen, herum. Dein Herz wird schwer. Ja, denkst du, das wäre vernünftig, das solltest du tun. Und: Was ist mit dem Traum vom Leben? Ist das überhaupt mein Traum? Sind Träume da, um aus ihnen zu erwachen?

Idylle?

Du sitzt in einem Garten, der dich an Kindertage erinnert. Auf dem Gartenstuhl neben dir leckt der Kater sein Fell, vor dir auf dem Gartentisch steht eine Schale mit Weingummi. Du weißt es noch nicht, aber das ist der Moment in dem du dich in die Vorstellung von diesem einen Leben verliebst.

Scheiß drauf?

Du hast es eilig. Zweieinhalb Wochen sind noch übrig und du beginnst, deinen Umzug zu planen, ohne bereits eine Option zu haben. Plan B ist auch eher wacklig. Plötzlich ist der Vorschlag ausgesprochen: Zieh doch zu deinen Großeltern. Und ich wage nicht daran zu denken. Denn wer bin ich, wenn ich nicht mehr hier wohne. Wenn ich Göttingen verlasse. Meine Zelte abbreche. Alles, was mir lieb ist, hinter mir lasse. Wer bin ich, wenn das dünne Eis, das mich trägt, zerbricht? Das lose gesponnene Netz, das mich hält, zerreißt, weil ich der Stadt den Rücken kehre? Dieser, meiner Stadt, gegen die ich mich in den letzten Jahren gewehrt habe, mit Händen und Füßen und all meiner Kraft, bis wir keuchend (ich) und prustend (die Stadt) an die Wand gelehnt auf dem Boden saßen, alle viere von uns gestreckt und sie mich fragte: Und? War’s das jetzt? Glaubst du mir jetzt? Dass ich das Beste bin, was du bekommen kannst? Dass „Wir“ keine Option ist, sondern ein Muss?

Ich habe meinen Traum vom Leben gefunden. Nach vier Jahren tasten und suchen und irren, weiß ich plötzlich, was ich will und muss doch Geduld haben und darf es nicht greifen, damit die Seifenblase nicht zu schnell zerplatzt. Und dann muss ich doch darüber nachdenken: Was ist, wenn ich kein Obdach mehr habe. Wie wäre es, wenn ich einfach was anderes wagen würde. Scheiß auf den Traum vom Leben. Scheiß auf Göttingen. Scheiß auf alles, was mir lieb ist in dieser Stadt.

Durchatmen

Du schüttelst den Kopf. Wie kannst du in einer Welt leben, die dir gänzlich fremd ist. In der du aneckst, mit dem Kopf gegen Balken stößst, die dir trotz geringer Körpergröße zu klein ist, die einfach nicht passt?

Eine Woche gibst du dir noch Zeit. Eine Woche, in der er passieren muss: Plan A. Bevor Plan B in Betracht gezogen wird.

(Foto: Juliane Luttmann)

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