#59 Nichts bereuen, ein Fitzel Scham

Da stehst du vor mir und hältst mir einen Zipfel entgegen. Meine Hand nähert sich dem Stück Stoff, ertastet es vorsichtig, ergreift es, nimmt es an sich.

Hier stehe ich mit einem Fetzen in der Hand, ribbel ihn auf, webe ihn neu.

Manchmal frage ich mich, ob das alles so richtig ist. Ich klaube mir zusammen, was mir an Gedanken und Gefühlen begegnet. Ich erzähle Geschichten so, wie ich sie erlebe. Ich fantasiere und spinne und was dabei entsteht, ist immer ganz persönlich und manchmal auch sehr intim. Ich berühre die Leben anderer und entwende ihnen kostbare Momente, die ich dann in Worte verpacke. Dabei taucht natürlich immer wieder die Frage nach meiner Verantwortung auf.

Ich frage mich, wozu das alles, welchen Sinn es hat, welche Bedeutung für die Menschen, die es lesen, für die Menschen, von denen ich schreibe. Wie sie es bewerten und welche Gefühle es in ihnen hervorruft.Welchen Anteil ich daran habe, wieviel Mitschuld, sozusagen.Ob sie es falsch interpretieren, zuviel hineindeuten, anders lesen als ich es meinte. Und: Wie meine ich es denn?

Du spulst den Film vor, an einer Stelle, keiner beliebigen, stoppst du das Band, langsam verändert es seine Geschwindigkeit, jetzt: Echtzeit. Es gibt nur diesen Moment. Kein Hinterher kein Vorher. Natürlich nimmst du nur wahr, was deine ohnehin schon vorhandenen Gedanken und Gefühle bestätigt. Ein Davor und Danach gibt es nicht, existiert nicht. Du suchst. Suchst nach Zeichen. Du denkst. Wie es wäre. Wie es hätte sein können. Wie es deiner Meinung nach sein sollte, hätte sein sollen, hätte werden können. Was niemals geschehen würde. Du denkst und deine Gefühle schwanken hinterher, die Kamera schwenkt herum, du schwingst deine Beine übereinander.

Es gibt nichts zu bereuen. Denn, was ich schreibe, schreibe ich bewusst. Ich weiß, was es in mir auslöst. Ich ahne, welche Feuer es entfacht, wie heiß und glühend die Glut ist, und wieviel Asche es hinterlässt. Manchmal ist es mir unangenehm, wenn ich erfahre, dass jemand meinen Blog liest. Aber genau das möchte ich doch. Ich möchte, dass andere – Freunde, Bekannte, Familie, Fremde – lesen, was ich mitzuteilen habe. Sich mitunter wiederfinden. Vielleicht den Kopf schütteln. Manchmal wünsche ich mir, dass eine bestimmte Person einen ganz bestimmten Text, eine ganz bestimmte Passage, diesen einen Satz liest und auf sich bezieht. Ja, manchmal wünsche ich mir das. Und dann erschrecke ich. Darf ich mir das wünschen? Darf ich mir wünschen, andere zu beeinflussen in ihren Gedanken und Gefühlen? Darf ich?

Aber: Ich möchte, dass meine Worte berühren, etwas anrühren, jemanden oder etwas bewegen. Im Positiven wie im Negativen. Und wenn es ich alleine bin, die bewegt wird. Ich möchte meinen Gefühlen Raum geben, weil ich an die Erfahrung, sie einzusperren, keine guten Erinnerungen habe. Ich möchte mit Worten spielen, weil es mir Freude bereitet.

Da gibt es nichts zu bereuen. Heute nicht mehr. Das war auch einmal anders:

„Vor wenigen Monaten drehte ich mich durch etwas, das manchmal Leidenschaft und Fluch zugleich sein kann, wie eine Schraube immer weiter in die Paranoia hinein: Das Schreiben fürs Internet. Es dauerte lange bis ich keine Angst mehr vor dem hatte, was passieren könnte, nachdem ich geschrieben hatte. Als könnten Worte gleichzeitig meine Welt aufbauen und direkt wieder zum Einsturz bringen. Ein Kartenhaus aus Bierdeckeln, bei dem es eine Frage des Geschicks oder des Glücks ist, ob es stabil oder fragil ist. Die Folge: Ich löschte einen Blog, drückte in meinem Leben die Pausetaste. Pause, Rewind, Replace. So einfach wie das klingt, war es nicht.“

Nur manchmal, da schäme ich mich noch ein bisschen.

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Dieser Text entstand im Rahmen der Blogparade #regrettingbloggerhood von Noch ne Muddi

Zum Thema „Schreiben und Lesen“ empfehle ich auch folgende meiner Texte:

Von Eisbergen und sinkenden Schiffen

Bilder sprechen Bände: Selbstermächtigung durch Storytelling

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5 Antworten auf “#59 Nichts bereuen, ein Fitzel Scham”

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