#57 Ein Mensch, ein Boot, ein Fluss

Du stehst am Bug eines Bootes, das Gesicht gen Heck, hinter dir sehe ich das Wasser des Flusses und ein Gebirge. Du stehst da, bereit für den Schnappschuss, irgendwo in der Türkei vielleicht oder an irgendeinem Ort auf dieser Welt, was weiß ich, und mich gruselt die Analogie zu Bildern, die ich vor ein paar Tagen sah.

Als wir uns das letzte Mal sahen, M. und ich, war er pubertär und ich naiv.

Ich habe über soziale Netzwerke verfolgt, wie du erwachsen, wie du dem entwachsen bist. Nun posierst du da und mich schaudert es, weil ich weiß, welche Symbolkraft dieses Bild hat. Meine Gedanken reißen es aus dem Kontext und versehen es mit einem anderen Subtext. Weil alles plötzlich einen bitteren Beigeschmack bekommt.

Ich stehe an der Spitze der Fähre, das Gesicht auf die Elbe gerichtet. Vor mir liegt Hamburg, breitet sich vor meinen Füßen aus und ich stehe da, bereit für den Schnappschuss, irgendwo zwischen Landungsbrücken und Finkenwerder, was weiß ich, und ich verschwende keinen Gedanken an die Analogie, keinen einzigen an M., und tausend an die Liebe.

Wir sitzen in einem Boot, fahren auf der Leine, du kannst nicht schwimmen und ich bekomme einen Schreck, als du über Bord gehst, als sie dich aus dem Boot schmeißen, du strampelst und schließlich prustend, lachend, wieder herauskommt, triefend nass. Es war Ramadan und am Abend riefen wir einen Krankenwagen.

Ein Mensch, ein Boot, ein Fluss, am Horizont eine Landschaft, wann wie gedeutet?

Advertisements

Was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s