#55 Pause

Die Welt rauscht an dir vorbei, zieht in Schlieren vorbei. Ausschnitthaft siehst du: U-Bahnen, Freunde, Kirchen, Pflaster. Kommt halt drauf an, wo du dich gerade befindest. Bahnsteig oder Karussell. Heute: Karussell.

Du bist gerannt. Gegangen. Meilenweit gegangen. Nun drehst du dich. Um dich selbst. Weil die Welt es nicht tut, tust du es jetzt selbst. Der Schwindel ist eine nebensächliche Begleiterscheinung. Deine Homies, deine Kumpanen, deine Weggefährten, Schicksalsgefährten, stehen dort, in einem Moment, im Raum zwischen jetzt und jetzt und jetzt. Dein Magen rumort. Dein Hirn ist Matsche. Und du siehst, du hörst: Bruchstücke von Armen und Beinen und Gesichtern und Lachen und Augen und Gesprächen. Wieder und wieder und wieder.

Die Welt um dich herum rennt, sie hastet und hechtet und hetzt und verpasst dabei das Jetzt. Du bist stehen geblieben, hast die Welt an dir vorbei rauschen lassen. Farben ziehen in Fäden vorbei. Ein Luftzug wechselt den letzten ab, hier ein Duft, hier ein Aroma, da ein Geruch. Du atmest ein, den Zentimeter Platz vor deinen Füßen. Diese Stadt ist in Eile, nie steht sie still und du hast sie nie verlassen. Hast dich tragen lassen von ihren Massen. Nun hast du genug. Du schaffst dir einen Ruheraum inmitten des Gedränges. Du lässt Gesichter an dir vorbeiziehen, Schritte, schnell, husch, husch, klack, klack, klack.

Du bist das stille Zentrum dieser Welt.

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2 Antworten auf “#55 Pause”

  1. Sehr fein beschrieben! Man fühlt sich beim Lesen geradezu atemlos. Das Heftige ist ja auch: Wenn man still wird und zuhört und bemerkt, wie viel Trubel und Hektik da immer ist. Eigentlich ist schon die pure Anwesenheit im Stadtleben die komplette Reizüberflutung. Und als ob die nicht reichen würde, geben wir selbst noch mehr Gas und saugen das Neuste aus Facebook, Twitter und Co. Ich hab mich entschieden, das so gut es geht zu minimieren, weil ich denke, die natürliche Sinneswahrnehmung ist davon total überfordert – auch wenn wir es so bewusst nicht merken, zumindest nicht sofort.

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    1. Wie man dann plötzlich mittendrin steht und sich alles um einen herum bewegt, man selbst ent-, die Welt beschleunigt, ja.

      Ich finde es immer wieder schön, mich selbst einfach mal auf Pause zu schalten und zu beobachten, wie alles fließt. Einfach mal wahrzunehmen anstatt Teil der Hektik und des Trubels zu sein. Kraft sammeln und Atem holen, um danach wieder einzusteigen in die Schnell(leb)igkeit.

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