Wo immer Menschen aufeinander treffen, gilt es, Grenzen auszuhandeln. Wenn Menschen unterschiedlichster Couleur auf komprimiertem Raum zusammen treffen und eine Zeit lang ihren Alltag miteinander teilen, wenn diese Menschen unterschiedliche Vorstellungen von Grenzen haben, von ihren eigenen Rechten und denen Anderer, wenn sie unterschiedlich sensibel sind im zwischenmenschlichen Miteinander, wenn sie in unterschiedlichen Wirklichkeiten leben, wenn es keine klare Ordnung des Miteinanders gibt, wenn die Regeln des Umgangs ver-rücken, dann wird der sichere Raum zu einer Seifenblase, die durch das Handeln der Akteure leicht zum Platzen gebracht werden kann.

Beteiligte versuchen die Ordnung durch diverse Praktiken aufrecht zu erhalten. Dadurch werden – sozial konstruierte – Räume zum Beispiel zu Orten des Erzählens, Orten der Auseinandersetzung, Orten des Kampfes, der Ausgrenzung, der Zuschreibung, Orte, an denen Macht unterschiedlich verteilt ist, aber auch Orten der Begegnung, Orten des Respekts und der Zuwendung.

„Raum meint soziale Produktion von Raum als einem vielschichtigen und oft widersprüchlichen gesellschaftlichen Prozess, eine spezifische Verortung kultureller Praktiken, eine Dynamik sozialer Beziehungen, die auf Veränderbarkeit von Raum hindeuten.“

Doris Bachmann-Medick: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften

In Psychiatrien sind vor allem Gefühle, Affekte und Vorstellungswelten die Triebfedern des Interagierens. Auf die Störenfriedas ging es vor kurzem darum, ob Psychiatrien sichere Orte seien:

„Psychatrien sollen sichere Räume darstellen für Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung nicht mehr für sich selbst sorgen können.“

Was beinhaltet die Zuschreibung eines Raumes als „sicher“? Meint es, dass sich die Handelnden ihrer Macht bewusst sind und diese nicht so einsetzen, dass sie die Grenzen anderer verletzen? Dass sie gemeinsam aushandeln, wie dieser Raum gestaltet sein soll? Sichere Räume sind Räume frei von Gewalt und Zwang. Doch was passiert, wenn wir Gewalt und Zwang als Teil der „Dynamik sozialer Beziehungen“ lesen?

Welche Rolle spielen dabei spezifische Diagnosen? Wenn wir uns als traumatisiert kategorisieren lassen, hat das dann andere Konsequenzen für unseren Anteil an der Gestaltung von Beziehungen als wenn wir uns als bipolar einordnen lassen? Legitimieren unterschiedliche Diagnosen unterschiedliche Handlungen? Wie werde ich gelesen, wenn ich mich mit einer bestimmten Diagnose im Raum bewege? Wieviel Schutzbedürftigkeit und Hilflosigkeit bedeutet meine Diagnose? Wieviel Handlungsmacht und -fähigkeit? Wie groß ist mein Vermögen, verantwortlich zu handeln? Was macht meine Krankheit mit mir – und mit meiner Verantwortung für mein eigenes Handeln? Trage ich die Verantwortung für das, was ich (nicht) tue – oder ist es meine Krankheit, die da handelt, und mein Verhalten dadurch entschuldbar? Mit welcher Intention begebe ich mich in die Hände der Psychiatrie und wie will ich behandelt werden – von meinen Mitpatient*innen, von den Pflegekräften, von den Therapeut*innen? Wie will ich selbst mit ihnen interagieren? Welche Geschichten möchte ich erzählen und welchen mein Gehör schenken? Welchen Wahrheitsgehalt haben meine Geschichten, wenn ich die Diagnose Schizophrenie habe, wieviel Glaubwürdigkeit bekomme ich von meinen Mitmenschen zugestanden? Wie will ich mit potentiell traumatisierenden Geschehnissen auf der Station umgehen? Wie will ich deuten, was da geschieht, am Rande dessen, was als Norm gedacht ist?

Wie will ich mit meiner eigenen Diagnose umgehen?

„auf der anderen seite nehme ich wahr, dass es viel darum geht, sich selbst zu verändern. den leidensdruck zu lindern, ein gutes leben führen zu wollen mit einem zustand von sich selbst, der sich im heilungsprozess befindet oder geheilt ist. muster zu durchbrechen, sich umzuprogrammieren oder mindestens andere überlegungen, prozesse und empfindungen in sich hineinzuschreiben. mehr möglichkeiten der reaktion und interaktion zu haben. in diesen erzählungen ist selten platz für die frage: warum eigentlich? für wen eigentlich? warum stoße ich mit bekannten mustern auf so viele barrieren? warum leide ich manchmal an meinem zustand? warum will ich mich nicht verändern (in teilen)? und es ist wenig platz für destruktivität, selbstverletzung und all die schönen dinge, die mit mustern einhergehen, die von außen jedoch als selbstzerstörerisch, falsch, … bewertet werden.“

Medienelite: embracing self-destruction

Aber was man auch erfahren kann, ist die unendliche Erleichterung, die eine Diagnose – und die Behandlung dieser – bringen kann. Die Sehnsucht nach lieb gewonnenen Mustern, ja, aber gleichzeitig das Durchatmen, wenn Hilfe gefunden wird, eine Erklärung, ein Ansatz, warum weshalb wie warum.

„Ich war jetzt die Hälfte meines Lebens auf der Suche nach der Erklärung für die Gründe, warum ich mich fühle, wie ich mich fühle. Warum mein Verstand funktioniert, wie er es nun einmal tut. Ich bin nun angekommen“

Kathrin Weßling: Ich habe ADHS und vielleicht ist das gut so

Und so wird für manche die Psychiatrie zu einem sicheren Ort. Einem Ort, an dem man ausloten konnte, was warum passiert – und wie man sich aus dem Schlamassel befreien kann. Ein Ort, an dem man Menschen begegnete, manchen Menschen aus dem Weg ging, sich auch vor Menschen fürchtete, doch vor allem Verständnis und Respekt erfuhr. Ein Ort, an dem man Menschen traf, die das eigene Erleben verstehen. Ein Ort, an dem einem auf Augenhöhe begegnet wurde. Ein Ort auch, an dem man Geschichten gehört hat über Gewalterfahrungen innerhalb der Psychiatrie, aber hoffentlich nie selbst solchen ausgesetzt war.

Advertisements

Was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s