#50 Schluss mit Elegien

Viel geben unsere Begegnungen nicht mehr her. Ich habe sie ausgequetscht wie den letzten Tropfen Saft aus einer Zitrone. Du verziehst den Mund, ich seh es genau, wie sich ein Winkel nach oben verschiebt, der andere nach unten, und deine Grübchen zutage befördert. Hätte ich die Tage gezählt, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, hätten sie das Jahr voll gemacht. Hätte ich die Tränen gezählt, die seither meine Augen verließen, hätten sie es mit den Sternen am Himmel aufnehmen können. Nicht ihre Zahl, sondern ihr zaghaftes Aufblitzen, ihre starke Präsenz und ihre maßlose Flüchtigkeit.

Ich schüttle den Kopf und damit diesen Gedanken ab. An der Wand hängt ein Zettel mit vier formulierten Zielen. „Ich will…“ steht da. Ich will. Ich bin ambitioniert, etwas zu verändern – am liebsten alles auf einmal – und weiß doch nicht, wo ich anfangen soll.

Eine nach der anderen kniet nieder, Yogablock unterm Po, Wolldecke nebenan. Neben jeder dritten hocken ein bis zwei Kinder, neben einer ein Mann. In der Mitte steht eine Kerze, Musikinstrumente liegen drum herum. Wir zelebrieren den Frühling und ich höre, wie meine Stimme Mantren singt, die ich nicht verstehe. Macht nichts, denke ich mir. Macht auch nichts, dass wir trotz Namensrunde zu Beginn hinterher nicht viel voneinander mitnehmen. Neben mir malt ein Mädchen ein Bild, ein Junge liegt auf den Beinen seiner Bezugsperson. Klack, macht es, klack, klack, als Steine ans Fenster geworfen werden. Fast hätten wir den Rhythmus in unsere Gesänge einbauen können. Den Part übernimmt später eine Djembe.

Ich melde mich zu einer Tagung an und kann meine Vorfreude spüren, meine Freude darüber, Dinge zu verbinden, die ich zum ersten Mal verspürte, als ich in einer Klausur im Fach Religion, elfte Klasse, Eric-Emmanuel Schmidt erwähnte. Ich bin erwachsen, ich kann mir selbst die Räume aussuchen, in denen ich mich bewege, denke ich, und: Vielleicht habe ich doch einen Einfluss darauf, welche Menschen ich wie und wo kennenlerne. Ich erweitere meinen Horizont und meinen Radius.

Vor mir liegt ein neues, ein altes Leben. Es wird ohne dich gehen. Es werden andere da sein. Immer noch zieht sich mein Magen zusammen bei dem Gedanken daran, dass es ohne dich gehen muss. Ich werde umziehen. Ich werde tatsächlich umziehen. Es wird ein Job kommen. Neue Bekanntschaften. Neue Versuche, Kontakte zu knüpfen. Es wird etwas bleiben. Freundinnen. Strukturen. Mein Kind. Mein Hintergrund. Meine Erinnerungen. Ich werde aufbauen auf dem, was war. Auf dem, was nicht war. Auf dem, was laut war und auf dem, was leise daher kam. Ich werde mich nicht mehr verstellen, mich nicht mehr verstecken, mich nicht mehr abhängig machen. Ich nehme eine neu gewonnene Weltoffenheit mit und die Abkehr von Zweifeln. Neugier ist mein Begleiter und gegen die Angst bin ich gewappnet. Ich habe Schild und Schwert und Aikido und Achtsamkeit werden meine Lehrmeister sein.

Du bist ein Teil dieser Entwicklung. Dafür danke ich dir, selbst wenn du das nie erfährst.

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