#48 Verantwortung

Ein Wort mit zwei Buchstaben

Darf ich mich setzen? fragen Sie und ich schaue mich kurz im Raum um.

Dies hier sind die letzten beiden freien Plätze, alle Tische, alle Stühle sind besetzt. Ich zögere, weil ich Sie nicht kenne und gerade nicht der Zeitpunkt da ist, an dem ich Menschen kennenlernen möchte.

Eigentlich möchte ich nur hier sitzen und meine Pommes essen. Pommes und ich, das war der Plan. Und es hätte beinahe funktioniert.

Doch nun kommen mir diese zwei Buchstaben in die Quere, die herunterbrechen, was ich an Werten und Normen in dem Moment unbewusst abspule. Ja, sage ich und gebe mir Mühe, hinterher unbeteiligt auszusehen. Ich frage mich, ob mein Ja ein Freifahrtsschein ist. Folgt hinter jedem ersten Ja unweigerlich ein zweites, drittes, …, zehntes?

Darf ich dir eine Pommes klauen? fragen Sie und ich frage mich, ob wir schon so vertraut sind, ob das Ja alle Barrieren niedergerissen hat, ob ich Ihnen signalisiert habe, dass Sie mich ruhig duzen können, klar, kein Problem, wir sind so *fingerkreuz*, richtig dicke, klar sind wir per Du.


Von der Angst eine Grenze zu überschreiten

Ich bin ein großer Fan von Konsens. Wenn ich mich in queerfeministischen Kontexten aufhalte und Konsens meint, dass ich meinem Gegenüber Raum gebe, zu gleichen Teilen wie ich über die Beziehungsgestaltung zu entscheiden. Wenn Konsens Einvernehmlichkeit bedeutet.

Leider habe ich das Konzept fehlverinnerlicht und daraus ist ein enormes Angstgebiet erwachsen. In der Dialektisch-Behavioralen Therapie nennt man das, was in meinem Kopf abgeht, einen Glaubenssatz. Der lautet „Ich verletze Grenzen“ und ist omnipräsent. Und das geht dann so:

Möchtest du Tee oder Kaffee? – Das darf ich dir nicht sagen. Ich verletze Grenzen.
Guten Tag! – Das darf ich nicht erwidern. Ich verletze Grenzen.
Ich find dich toll. – Das darf ich nicht annehmen. Ich verletze Grenzen.
Ich reiche dir die Hand. – Die darf ich nicht schütteln. Ich verletze Grenzen.

Aber: Ist das dann noch Konsens?

Das nimmt dem Ganzen nämlich die Einvernehmlichkeit und setzt eine starres binäres System aus Ja und Nein voraus, in dem die Parteien nicht selbstbestimmt handeln und entscheiden können, weil die Antwort schon vorgegeben ist. Es nimmt beiden den Raum Ja zu sagen zu der Beziehung. Es nimmt den Raum, immer wieder neue Grenzen zu formulieren.

Jede*r trägt Verantwortung für sein*ihr Handeln, aber auch für seine*ihre Gedanken und Gefühle. Gebe ich die Verantwortung ab, so zeige ich meinem Gegenüber, dass ich es wertschätze und achte. Übernehme ich aber die ganze, hundertprozentige Verantwortung für die Begegnung, belade ich mich selbst mit Ballast, den mein Gegenüber mir zu einem Teil abnehmen könnte und sollte. Und ich entbinde mein Gegenüber jedweder Verantwortung. Die es sich vielleicht wünscht. Ich kann meinem Gegenüber nicht in den Kopf schauen. Nicht gestern, nicht heute und nicht morgen. Wenn ich nicht frage, weiß ich nicht, wo seine*ihre Grenzen verlaufen. Und: Grenzen sind nicht immer gleich. Was heute ok ist, muss morgen nicht auf Zustimmung stoßen. Das gilt für mein Gegenüber – aber auch für mich.

Toxisch

Es gibt keine Steigerung von toxisch.

Du bist es nicht. Es ist, wie ich dich sehe und das, was du (nicht) sagst und tust. Wie du dich (nicht) kleidest und bewegst.

Du bist es nicht. Es sind meine Gedanken an dich und das, was ich in meinem Inneren aus ihnen mache. Wie ich sie verarbeite und welches Gericht ich aus ihnen zaubere.

Du bist es nicht. Es sind meine Kochkünste, die Art und Weise, wie ich die Zutaten selektiere und sie wieder zusammenfüge.

Du bist es nicht. Es ist der Duft, das Aroma dieses Gerichts, die Würze, die meine Gefühle dazutun. Es ist die Rezeptur, die seit langem überliefert wurde, das tradierte Wissen, das da rein spielt, die gesellschaftlichen Konventionen und Normen und Werte und wie wir die Welt sehen.

Du bist es nicht. Es ist, wie ich dich deute, wie ich mich deute, wie ich uns deute und wie das, was uns umgibt.

Du bist nicht das Gift. Es ist das, was ich aus dir mache. Das Gebilde, das in meiner Phantasie entsteht und das nicht viel mit dir zu tun hat. Es sind meine Ansichten, Sichtweisen, Interpretationen, Meinungen, Haltungen.

Du bist nur zufällig dort hinein geraten. Weil du da warst, hier, an diesem Ort, und weil ich dich gesehen habe.

Du bist es nicht, der mich mit mir selbst konfrontiert. Der mich auf mich selbst zurückwirft. Es ist, wie ich mich dir gegenüber fühle und verhalte.

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