#45 Komm, lass uns verschwinden.

Jetzt möchte ich zu Hause sein, auch wenn ich nicht weiß, wie das aussehen wird, mein Zuhause, die vier Wände, die mich demnächst umrunden werden. Und wie ich sie finden soll. Wie ich den Raum zwischen Decke und Fußboden finden soll, der meiner sein kann. Mein Raum, Raum für mich und meine Möbel und meine Flausen und für dich.

Jetzt möchte ich nicht hier sein, wo ich nicht weiß, wie ich ausweichen kann, wohin vor allem. Ich möchte mir ein Stück Kreide nehmen und einen Kreis um mich zeichnen. Mich einmal um meine eigene Achse drehen mit gebeugtem Rücken und gesenktem Blick.

Ich möchte mit meinen Händen durch die Luft wischen und Blasen entstehen lassen, in denen Raum ist für die Unhörbaren. Hier, nimm eine Blase. Damit wir dich besser wahrnehmen. Damit du gehört wirst. Und Blasen für diejenigen, die präsent sind. Dann wische ich sie her oder weg, einmal nach links, einmal nach rechts, wie bei Tinder.

Ich möchte die DBT in meinem Alltag anwenden. Auf den Straßen und in den Cafés und Kneipen Göttingens, an einem Arbeitsplatz, den es noch nicht gibt, mit Freund*innen und Fremden. Ich möchte neue Menschen kennenlernen, mit denen ich mehr teile als ein Krankheitsbild und Menschen in meinem Leben behalten, die ich hier kennenlernte. Ich möchte Blödeleien und Fachsimpeleien mit unterschiedlichen Menschen. Ich möchte Spaß und Ernst. Offene Arme und offene Geister.

Und ich möchte vor allem eins: Einen Menschen, der da ist, bei mir, neben mir, mit mir. Der die Dinge versteht, die mich interessieren, und der seinerseits Interesse dafür aufbringen kann. Ich möchte einen Ort finden, an dem es diesen Menschen gibt. Außerhalb der Psychiatrie. Dann male ich einen Kreidekreis um uns beide.

Ich möchte auf der Brücke über die Drina stehen und die Augen schließen, um mich Višegrad und aus der Ferne der leise, in die Tage gekommene Klang eines Grammophons. In meiner Hand deine.

Ich möchte, dass du auf die Herzchen unter meinen Tweets drückst, nur dann, wenn du es auch so meinst. Und dass du mir Artikel zu lesen gibst, in denen du unterstrichen hast, was in dir Emotionen auslöst. Ich möchte, dass du mir sagst: Schau mal hier, was ich gelesen habe. Schau mal hier, was ich geschrieben habe. Schau mal hier, was ich getrieben habe. Schau mal da, wo ich gewesen bin.

Ich möchte, dass du mir von deinem Tag erzählst und ich dir von meinem und dass wir sie nebeneinander legen und vereinen.

Ich möchte Situationen, für die es sich lohnt, Arbeitsblätter auszufüllen.

Ich will das echte, richtige Leben. Jetzt. Hier.

Ich möchte alle Fliegen mit einer Klappe und Elbstrandrieselsand zwischen meinen Zehen.

Ich schreibe deinen Namen als Tatoo auf mein Schlüsselbein. Ein unvollkommener Kreis steht da, aus schwarzer Tinte. Zen.

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