Du und ich – Skizzen für einen Roman, der nicht geschrieben wird

1
Ich wollte Plasma spenden. Nun sitze ich hier ohne Einstichstelle, weil sich meine Venen dem irgendwann entzogen haben, so wie du dich mir entzogen hast, und nun nicht mehr greifbar sind, so wie du, obwohl ich dich lieben wollte. Du hast mir den Atem geraubt und nicht nur den, doch wichtiger ist, was du mir mitgegeben hast.

2
Einmal stand ich einem gegenüber, der wusste, wer ich bin, ohne dass ich es ihm verraten hätte. Einer, der wusste, dass ich eines Tages einen Roman schreiben wollen würde. Einer, der wusste, was ich tun würde, bevor ich es wusste. Einer, der wusste, dass ich das Photografieren vermisste. Einer, der wusste, dass ich nur lebendig werden würde, wenn ich etwas er-schaffen könnte. Einer, der wusste, was mir fehlte. Einer, der mich denken ließ, dass er dachte, ich würde sein Lächeln nicht sehen. Einer, der einfach da war. Einer, der einfach nur existieren musste. Einer, dem ich einen Roman widmen würde, würde ich mir die Zeit nehmen und die Mühe machen, einen zu schreiben.

Ich würde ein „Für“ vor die Initialien seines Namens schreiben und dahinter einen Punkt setzen. Und das würde genügen, weil es nicht mehr bräuchte.

Den Roman würde ich „Du und ich“ nennen, was nur schlicht und simpel aussehen würde und in Wirklichkeit nur Tarnung wäre, voller intertextueller Bezüge und implizitem Hintergrundwissen. Mir ist kein Du namentlich bekannt – der Name flog mir zu. Ich wollte sagen „aus dem Nichts“, aber beim zweiten Hinsehen, etwas genauer, fiel mir auf, dass das gelogen wäre.

Der Roman wäre fiktional mit autobiographischen Anleihen und es gäbe eine auktoriale Erzählerin oder einen auktorialen Erzähler, so klar ist das nicht. Es wäre nicht meine Geschichte. Es wäre die Geschichte von „Du und ich“. Ich würde ein bisschen Sozialkritik einfügen. Vielleicht auch ein bisschen mehr. Und eine Brise Naivität. Vielleicht auch davon ein bisschen mehr. Ich bin nunmal naiv. In „Du und ich“ kämen auch namhafte Autor_innen vor. Aber es bliebe trotzdem die Geschichte von „Du und ich“. In manchen Passagen, wenn irgendetwas meine Konzentration stören würde, würde mein Schreibstil Richtung Virginia Woolf oder Kurt Tucholsky abgleiten. An diesen Textstellen würde sich der wahre Charakter der Lesenden offenbaren. Ich weiß nicht, wieso er das tun sollte. Aber wann hat man schon mal die Gelegenheit, diesen Satz zu schreiben?

Eben.

Skizzen für einen Roman, der nicht geschrieben wird Teil 1.

Es ist Halloween. Wir ziehen um die Häuser und denunzieren jeden Indianer, der uns begegnet, der kulturellen Aneignung. „Denunzieren ist nicht das richtige Wort“ sagst Du und ich zucke gleichgültig mit den Schultern. Du gehst als Du und ich habe mir einen Hut und eine Hornbrille aufgesetzt und einen Schnurrbart aufgeklebt. „Alles Rassisten. Alles Klassisten. Alles Sexisten. Alles Kapitalisten“ schimpfst Du lauthals und ich drücke, während ich erneut, diesmal entschuldigend, mit der Schulter zucke, den eingeschüchterten und verdutzten Indianern Pamphlete in die Hand, die wir uns aus Wikipedia-Einträgen zusammen gebastelt und in der städtischen Bibliothek vervielfältigt hatten. Wir fühlen uns ein bisschen revolutionär. Ein bisschen graswurzelrevolutionär. Du etwas mehr als ich, weil ich nur die transsexuelle Akademikerin mime, die sich ihrer (oder seiner?) Privilegien bewusst ist, und du immerhin den etwas pathetischen Proleten, der sich insgeheim wünscht, bar jeder Ideologiekritik sein zu dürfen.

Einmal habe ich zu Dir gesagt: „Lass uns so tun, als seien wir intellektuell.“ Und Du sagtest: „Lass uns so tun, als hätten wir Das Kapital gelesen. Und Tolstoi.“ – „Und Tolstoi,“ wiederhole ich. „Ich mache Kunst und Du veränderst die Welt.“ – „Aber es muss gesellschaftskritische Kunst sein“ wirfst Du ein und tust so, als wüsstest Du, wovon Du sprichst. „Unbedingt“ antworte ich.

Skizzen für einen Roman, der nicht geschrieben wird Teil 2.

Ich habe Dich auf der Straße aufgelesen. Naja, eigentlich hast Du mich aufgelesen. Aber das würde keine_r von uns je zugeben. Es war das Jahr, in dem das Leben auf mich einprasselte. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich diesen Satz geklaut habe. Aber es war nun mal so. In diesem Jahr prasselte das Leben auf mich ein. Du bist doppelt so alt wie ich. Gefühlt. Du bist zehn Jahre jünger als ich. Gefühlt. Du und ich sind gleich alt. Du bist acht Jahre älter als ich und ich bin zwanzig Jahre jünger.

„Wie fühlt es sich an, wenn das Leben auf einen einprasselt?“ fragt mich eine sanfte Männerstimme hinter meinem Rücken. Ich zucke zusammen. Diese Stimme hatte ich nicht kommen sehen. Ich fahre herum und sehe in ein Gesicht, das meins sein könnte. Aus einem Gesicht, das genauso gut meins hätte sein können, so vertraut fühlt es sich an, blickt mich ein Augenpaar an, das das Blau des Himmels trägt. Ich schrumpfe, sacke in mich zusammen. Ich werde ganz klein und mein Gegenüber bräuchte nur die Hand ausstrecken, nach mir greifen, und mich in die Taschen seiner Jacke stecken. Ich bitte den allmächtigen Strippenzieher, dass er ihn das tun lässt. „Ungefähr so, als würdest Du in Augen schauen, deren Farbe sich mit der des Himmels verändert,“ höre ich mich sagen.

„Wie ein Lied von den Toten Hosen“ sagt er. Und ich: „Wie Lindenstraße in den frühen Neunzigern. Ein Lied von Joshua Kadison.“ – Er: „Wie Poetry Slam. Wie die letzte Zeile in einem Roman von Paul Auster.“ – „Licht aus,“ ich. – Er: „Spot an. Sportfreunde Stiller. Weltretterromantik“ Und gemeinsam: „Nein, so nicht.“

„Nein, so nicht“ bestätige ich. „Leidenschaft,“ sage ich. „Sehnsucht,“ entgegnet er. „Betrug“ ergänze ich. „Eifersucht. Die goldenen Zwanziger. Westös Helsinki zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Marc Buhls Billardzimmer. Die Madonna auf dem Mond. Ein Grammophon an der Drina. Schipino. Alles durchdringender Sonnenschein“ sagt er und ich nicke: „Ungefähr so.“

Skizzen für einen Roman, der nicht geschrieben wird Teil 3.

Wir können stundenlang durch die Stadt laufen. Wir halten vor jedem Buchladen und zögern jedes Mal, ob wir ihn betreten sollen. Ich scharre mit den Füßen, eine Angewohnheit, die Dich zur Weißglut treiben kann, und Du schaust überall hin – nur nicht zu mir – was mich wiederum fuchsteufelswild macht. Nach fünf Minuten tauschen wir die Rollen. Er trippelt auf der Stelle und ich lasse meine Blicke durch die Gegend schweifen, ohne etwas zu sehen. Nach zehn Minuten nehmen wir einander an die Hand und betreten die Buchhandlung dann doch in einer etwas ehrfuchtsvollen Zeremonie, die zu beschreiben den Rahmen sprengen würde. Außerdem wollen wir ja nicht indiskret sein. Vor einem der Geschäfte steht ein Symbiose-Pärchen. Symbiose-Pärchen ist ein Begriff, den er eingeführt hat. „Das sind Menschen,“ erklärte er mir an unserem ersten Abend, „die in ihrer Beziehung ihre Individualität verlieren, und nur noch als ‚Schatz und Schatz‘ auftreten. Die verschmelzen regelrecht. Und jedes Mal, wenn eine oder einer von ihnen ausbrechen will, leitet der oder die andere einen Satz mit ‚Schatz, …‘ ein.“ – „Lass uns immer Du und ich bleiben“ erwidere ich und drücke ihm einen Kuss auf die Stirn. Ich verschweige meine Vergangenheit als Bestandteil eines Symbiose-Pärchens und finde das wildromantisch.

Symbiose-Schatz Nummer eins stört mit einem „Schatz, das sind Mängelexemplare. Da ist bestimmt irgendwas kaputt dran“ unsere wohl einstudierte Buchladen-Performance. Mein Kopf rotiert. „Wir sind Mängelexemplare. An uns ist etwas kaputt. Lasst die Finger von uns. Lassen wir die Finger voneinander. Mit uns stimmt was nicht. Das kann nur schief gehen,“ denke ich. Und: „Schatz, komm, lass die Finger von ihnen. Mit denen ist nichts anzufangen.“ Ich merke, wie sich mein Magen umdreht. Mir wird schwindlig. Alles verschwimmt. Ich taste nach etwas, das mich zu halten vermag. Er runzelt die Stirn, greift entschlossen nach einem Buch und hält mir einen Roman von Siri Hustvedt vor die Augen, so dass ich den Titel lesen kann. Das beruhigt meine Psyche. Es ist für mich Genugtuung genug, weshalb ich einen Lachanfall bekomme. Du brichst ebenfalls in schallendes Gelächter aus. Du weißt, dass ich intertextuell denke, und liebst es, mir immer wieder Gelegenheit dazu zu geben. Weil Du so gerne beobachtest, wie es dann in mir arbeitet, wie sich erst meine Augen zusammenziehen, dann meine Stirn kräuselt, meine Mundwinkel sich verschieben, meine Augen sich weiten, und ich dann schließlich anerkennend nicke, empört den Kopf schüttle, in mich hinein schmunzle, verdutzt drein schaue, oder eben schallend lache. Ich wiederum liebe es, die Reaktionen unserer Mitmenschen zu beobachten, wenn wir unser für sie unsichtbares Spiel spielen. Der verdatterte Symbiose-Schatz Nummer eins zieht Nummer zwei mit einem „Schatz, komm“ hinter sich her. „Lass uns Vollbart tragen“ flüstere ich ihm ins Ohr.

Skizzen für einen Roman, der nicht geschrieben wird Teil 4.

Er schleudert mir ein frisches, sauber mag ich nicht sagen, Handtuch entgegen: „Da.“
„Mein Wahnsinn war durch Entzug entstanden“ zitiere ich Hustvedt. Es zeigt seine Wirkung: Er starrt mich entsetzt an. Entsetzt ist eine Steigerung von verblüfft und ich bin jedes Mal entzückt, wenn ich es schaffe, diesen Gesichtsausdruck auf sein Gesicht zu zaubern, weil das wahrhaftig nicht einfach ist. „Du denkst schon wieder in Romanen“ sagt er. Ich setze mein schiefstes Grinsen – ich habe das jahrelang vor dem Spiegel perfektioniert, bis es endlich die Kanten und Fransen hatte, die ich mir dafür wünschte – auf: „Kennst Du die Geschichte von Liv und Ingmar?“ Ich drücke mein Gesicht in das Handtuch und atme den Duft von Waschmittelrückständen ein. „Wessen Version?“ Er setzt sich in den Ohrensessel am Fenster, zieht die Beine an, und wickelt sorgsam eine Wolldecke um seinen Körper. Er fängt an zu summen. Ich schlinge mir das Handtuch um den Kopf und setze mich im Schneidersitz auf den Teppichboden. „Lass uns immer du und ich bleiben“ murmelt er.

Skizzen für einen Roman, der nicht geschrieben wird Teil 5.

Du und ich proben jeden Tag für den Ernstfall. Wir proben für eine Zeit, in der das „und“ verschwindet. „Lass uns nicht vergessen, miteinander zu leben“ erinnere ich uns dann und wann daran, dass das „und“ noch da ist. „Lass uns nicht vergessen, dass das ‚und‘ eines Tages verschwinden wird“ mahnt er hin und wieder. Niemand hat gesagt, dass es einfach sein würde. Ich habe es auch nie erwartet. Ich habe nie erwartet, dass wir leichtfüßig sein würden, oder dass ich mit anderen Augen auf das Leben blicken würde. Nicht einen Tag, seit wir einander aufgelesen haben, habe ich das erwartet. Manchmal prasselt das Leben noch ein wenig. Wenn es erst einmal damit angefangen hat, hört es nie wieder auf, zumindest ein wenig zu prasseln. Ich weiß immer erst hinterher, dass es genau so war, wie ich es haben wollte. Das Geprassel. Dass ich es genau so haben wollte – und nie anders. Wir sind Mängelexemplare. „Nebeneinander“ sage ich. „Hm?“ – „Nebeneinander. Das ist alles, worauf es ankommt. Für eine Weile nebeneinander.“ – „Los, nimm schon den Turban ab,“ sagt er.

3
Wie du da stehst, mit deinen Grübchen, eine Strähne deines Haares hängt dir ins Gesicht. Du balancierst auf einem unsichtbaren Seil, immer vor, zurück, vor, zurück, trippelst von einem Bein aufs andere. Ich sage etwas und sehe den Schreckmoment in deinem Gesicht, in deinen Grübchen, darin, wie du die Strähne zur Seite streichst. Ich habe es geschafft – ich habe dich aus dem Konzept gebracht. Dadurch, dass ich von dir eine Antwort erwarte, die ich mir selbst nicht geben kann.

Wie ich hier stehe, barfuß, mein Gesicht etwas zerknautscht und die Haare zerwühlt vom Schlafen, das Herz poltert laut. Meine Hände suchen Halt, den sie nicht finden, und wischen durch die Luft, als reinigten sie eine Tafel: Ich wische meine Gefühle weg, wie am Ende einer Unterrichtsstunde Kreidespuren von der Tafel. Der Gedanke gefällt mir, du sagst etwas, und mein Herz poltert noch etwas lauter, etwas schneller, ich kann dich beinahe nicht verstehen.

Ich höre den Lärm, der durch das geöffnete Fenster ins Zimmer dringt, aber ich nehme ihn nicht wahr und kann das Fenster nicht schließen. Ich begreife erst, als du einen Schritt auf mich zu machst und um mich herum greifst. Dabei fällt dir die Strähne abermals ins Gesicht. So ist’s besser, murmelst du, und ich beginne zu verstehen, dass es nicht mein Herz war, das so polterte. Als du deine Hand auf dem Weg zur Strähne vom Fenstergriff löst und zurückziehst, streifst du meine Schulter mit deinem Arm. Du legst meine Nerven blank.

Du wiederholst deine Antwort und siehst dabei etwas gequält aus. Ich kann nicht sagen, weshalb. Vielleicht lese ich auch zuviel aus-Schrägstrich-in deiner Mimik. Das mache ich so, wenn mir jemand, weil mir das hier wichtig ist. Ich schaue dir ins Gesicht und du blickst zu Boden. Tja, also dann, murmelst du, und ich beginne zu verstehen, dass du es genauso meinst wie ich und dass es das ist, was dich quält. Als du deinen Blick hebst, grinse ich dich an und wiederhole deine Antwort mit einem Fragezeichen dahinter.

Monate sind vergangen und eine Antwort fehlt mir immer noch. Ich sehe die Sonnenstrahlen, die sich ins Zimmer verirren, aber ich bemerke sie nicht. Erst als du die Hand hebst, um deine Augen zu schützen, erkenne ich, dass Sommer ist.

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