#30 Gefühle

Ein Stich im Herzen, wie ein Streicheln, und ein sanfter Druck an meinem Oberschenkel.

„Du kannst nicht ’nichts‘ fühlen. Das ist einfach unmöglich. Du kannst dir das Fühlen verbieten und du kannst dir das Darandenken verbieten und du kannst die Träume wegtrinken und das Zittern und das Pochen, du kannst dir die Wunde verbinden und du kannst damit herumlaufen und sagen: Das ist kein Verband, das ist bloß ein kleiner Schutz, ein bisschen Watte, ein bisschen Mull, aber darunter ist gar nichts, alles ist in Ordnung.“ (Kathrin Weßling – Morgen ist es vorbei)

Stich und Druck und die Ruhe, die damit kommt. Die sich wie ein Mantel über dich legt. Weil da jemand bei dir sitzt.


 

Ich fühle nichts mehr. Der Paketdienst bringt Ammoniak-Ampullen, nur für den Fall, man kann ja nie wissen, wann es wieder beginnt, dieses Fühlen, dieses Mehr-als-Fühlen, und dann: dieses Daneben-sein. Dann ist es besser, man hat alle Glieder der Kette parat, ohne nachzudenken, ohne zu wühlen, griff- und einsatzbereit: Ammoniak, Chili-Schote, Tigerbalm, Wäscheklammer (oder: Igelball).


 

Du willst fühlen. Du willst nicht: Platzen. Aus deiner Haut fahren. Zusammensinken. Rennen. Rennen. Rennen. Stürzen – hinausstürzen, vorbeistürzen, fort von mir und von dir und von Allen und Jedem. Du willst: Das Gegenteil, dich hineinstürzen. Nicht: Gelähmt oder betäubt oder wieauchimmer dasitzen und in dich hineinstarren. Du willst nicht: Über den Dingen schweben. Dir Horrorgeschichten ausdenken. Verbindungen ziehen, wo keine hingehören. Aber fühlen, das willst du weiterhin.

Du willst: Die Ruhe, die sich wie ein Mantel über dich legt, weil du nicht allein bist damit. Du willst sanfte Blicke und sanfte Stimmen und sanfte Arme und sanfte Menschen, die da sind. Du willst: Magie und Herzklopfen und Schwindel.


 

Du klopfst dir unsichtbaren Staub von den Klamotten und tröstest dich damit, dass du all das hast: Menschen und Arme und Stimmen und Blicke. Und Gefühle, die hast du auch.

Du klopfst dir auf die Schulter, in Gedanken, dafür, dass du lebst und liebst und lachst und dich erinnerst und fühlst und weißt, was du erwarten kannst.

Du klopfst auf Holz für das, was jetzt passiert und morgen. Und für das, was nie passiert, hast du ein „Nächstes Mal“ parat und meinst damit eine andere Zeit, einen anderen Ort, ein anderes Publikum.

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