Ich bin der Eisberg, von dem nur die oberen zehn Prozent sichtbar sind. Alles unterhalb der Spitze liegt im Meer verborgen.

Was direkt sichtbar ist, ist, was ich tue.
Unter der Wasseroberfläche ist, was ich denke, fühle, wahrnehme.

Wenn ich schreibe, gewähre ich mit meinen Worten einen Blick unter die Wasseroberfläche. Was ich nicht verbalisiere, sind die Gedanken und Gefühle, die ich beim Schreiben habe, die mich zu texten veranlassen, oder die hinterher aufkommen. Diese bleiben weiterhin unsichtbar und stellen eine Gefahr für vorbeiziehende Schiffe dar. Denn sie sind die Motivation für meine Handlungen. Was ich mir selbst nicht eingestehe, ist, dass ich selbst am Steuer eines dieser Schiffe stehe und mit mir selbst zu kollidieren drohe. Dass ich darauf vertraue, das Schiff sicher durchs Meer zu manövrieren und nicht ahne, dass die Gefahr auf dem Meeresgrund lauert. Ich denke, ich kann den Berg umschiffen, da ist es längst zu spät.

Was ich sehe, was ihr seht, ist, dass ich schreibe.

Was nicht sichtbar ist, ist, dass das Schreiben meine Leere füllt. Dass es mir die Einsamkeit nimmt. Dass es mir meine Gefühle abmildert, ordnet, deutlich und einordbar macht. Dass es mich ausgleicht. Dass es meine Persönlichkeit formt und meine Identität stärkt.

Was ich nicht sehe, was ihr nicht seht, ist auch, dass ich Freude am Schreiben habe. Dass ich stolz bin auf meine Worte. Dass ich da Liebe hineinstecke. Dass ich mit jedem Wort Nähe zu schaffen versuche. Dass ich etwas baue, etwas schaffe, etwas erschaffe.

Was ich nicht sehe, sind die 90 Prozent Eisberg der Lesenden. Ich sehe nicht, was ihr empfindet, denkt, wahrnehmt, während ihr meine Texte lest. Ich sehe es nicht und kann es auch nicht vermuten.

(Das Eisbergmodell stammt von Anja Link und Christiane Tilly. Ich beziehe mich auf eine Beschreibung aus dem Buch „Borderline begegnen. Miteinander umgehen lernen“ von Susanne Schoppmann, Matthias Hermann und Christiane Tilly.)

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Ein Kommentar zu „Von Eisbergen und sinkenden Schiffen

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