#25 Inselleben

Manchmal muss ich Erinnerungen schriftlich fixieren. Besonders und gerade dann, wenn sie von solcher Strahlkraft waren, dass ich sie auch Monate später nicht vergessen habe. Manche Erinnerungen wollen niedergeschrieben werden, auch wenn ich nie so ganz weiß, ob ich damit den tatsächlichen Begegnungen gerecht werde. In der Erinnerung werden Begegnungen zu verzerrten Bildern, die mit der Realität kaum etwas zu tun haben. In der Erinnerung existieren lediglich die damals vorhandenen Gefühle und ein Nachklang der gesprochenen Worte. Doch die Atmosphäre lässt sich nie wieder ganz herstellen oder nachempfinden. Auch hat man nur einen beschränkten Einblick in die Situation bekommen, nimmt man doch nur seine eigenen Empfindungen und Gedanken wahr sowie die Mimik und Gestik des Anderen.

Ich beginne ein Gespräch über Literatur, die Frage nach einem Drama, weil ich da Parallelen sehe und sie irgendwo abholen möchte. Sie sitzt da, schaut mich an, und schweigt. Ich rede weiter, wiederhole, was ich gesagt habe. Zugegebenermaßen etwas barsch. Sie antwortet und das Thema erstirbt. Sie springt nicht darauf an und ich versuche nicht weiter, diesen Weg zu verfolgen. Ich glaube, sie hat Angst.

Was ich nicht sehe: Dass sie das angesprochene Buch daraufhin noch einmal liest und absolut keine Parallele finden kann.

In seiner Stimme schwingt ein nachdrückliches Drängen mit, als er seine Frage wiederholt. Ich kenne das schon. Es kann mich nicht aus der Bahn werfen. Dennoch fühle ich mich von seiner Frage überrumpelt. Ich kann das nicht mit dem Smalltalk. Welche Bücher ich lese. Welche Musik ich höre. Dass BG Göttingen zur Abwechslung mal einen Heimsieg brauchen könnte und das mit der Schlappe des HSV. Was ich kann, ist lamentieren. Zumindest innerlich. Ich kann nicht über Shakespeare oder Goffman oder Gatsby reden oder über Politik. Eigentlich kann ich auch nicht lamentieren. Meine Wehklagen sind unsichtbar und äußern sich in unverhülltem Schweigen. Ich kann mich fürchten. Darin bin ich groß.

Ich heiße sie willkommen. Küsschen links, Küsschen rechts. Sie sieht freundlich aus, doch gleichzeitig ist sie so reserviert. Ich frage, ob das Radio sie stört – sie sagt nein, sie finde das schön. Ich frage, ob sie Türkisch spricht – sie sagt ein bisschen, sie habe Freunde in Adiyaman. Sie scheint sich zu freuen, bei mir zu sein.

Manchmal, wenn ich das Zimmer betrete, sitzt sie einfach nur da, auf ihrem Bett, ganz statisch, oder sie spielt mit irgendeinem Gegenstand. Die Stille im Raum ist unheimlich und ich möchte sie durchbrechen. Ich fühle mich hilflos in ihrer Gegenwart, weiß nicht, wie ich sie aus ihrem Schneckenhaus locken soll. Ich biete ihr alles Mögliche an, möchte sie glücklich sehen, nicht den Trauerkloß, der sie ist, unnahbar, schweigend. Sie sagt Dinge, die ich nicht verstehe, aber vor allem sagt sie immer wieder Nein. Das tut weh. Niemand hat jemals Nein zu mir gesagt, wenn ich einfach nur nett zu ihm war. Sie sieht so traurig aus und ich möchte sie umarmen. Sie weicht zurück. Ich frage, ob sie reden will. Sie weist mich ab. Ich bekomme Angst, wenn sie schweigt, sie ist so still. Ich bekomme Angst, wenn sie so apathisch da sitzt. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich sage ihr, dass ich einen Neuanfang machen möchte – mit ihr und ihm. Ich brauche sonst nichts, sage ich. Ich möchte ihr schmeicheln, doch sie verkriecht sich noch mehr in ihr Schneckenhaus. Ich sage, Gott sieht alles. Und dass ich, wenn es mir schlecht geht, denke, dass es Menschen gibt, denen es noch schlechter geht. Dann geht es mir besser. Sie sieht mich skeptisch an. Ob sie an Gott glaube, frage ich – sie sagt ja. Gott sieht alles, wiederhole ich, und hoffe, dass es sie tröstet.

Ich kann mich vor ihr fürchten, weil sie nicht sieht, dass um mich herum wie um jeden anderen Menschen auch eine Grenze verläuft. Ich gebe ihr keine Schuld, dass sie sie übersieht. Passiert ja manchmal und ich nehme an, das hat mit ihren Problemen zu tun, die ich nicht kenne und auch nicht kennen will. Sie erzählt mir trotzdem von ihrer Schwester und vom Teilen und von Gewalt und zeigt mir unaufgefordert ihre Brust, schenkt mir türkische Pizza und türkische Süßigkeiten und will mir Obst andrehen und Taschentücher und sogar Geld oder was ich sonst brauche und spielt dabei türkisches Radio, schaut mich aus ihren braunen Augen hinter der Brille, unter den schwarzen, kurzen Haaren an und abends stolpere ich ins Zimmer, als sie im Bett neben ihrem Mann liegt. Mein Bett ist eine Insel, auf die ich mich flüchte, nicht einsam, aber allein und ich baue einen Zaun drum herum, an dem ich sie immer wieder abprallen lasse. Es hatte so gut angefangen mit Willkommensgruß und Küsschen und „Kannst du Türkisch?“ – „Ja, ein bisschen. Ich habe Freunde in Adiyaman“. Sie hat sich darüber gefreut, dass ich stricke und ich über den Klang des Türkischen. Aber dann fragt sie mich, ob ich sie Zuhause besuchen komme und ich höre ihre Telefonate mit, manchmal geflüstert, nachts, oder komme in ein mit Familie angefülltes Zimmer, in dem ich eigentlich für mich sein wollte. Ich erzähle ihm nicht, dass ich Angst habe. Oder vielleicht habe ich das doch getan. Ich weiß es nicht mehr. Ich versuche alles, um mit der Situation klar zu kommen. Ich setze Grenzen, ich kümmere mich um meine Anspannung, die immer wieder in die Höhe schießt, ich sage „Nein“, immer wieder, beharrlich und geduldig, doch innerlich am Zerreißen. Ich tue das, weshalb ich hier bin: Ich kümmere mich um mich. Sie sagt: Ich brauche nichts – nur dich und ihn. Neues Leben. Neuer Anfang. Ich merke, wie ich wütend werde und weiß nicht, ob es meinet-, seinet- oder ihretwegen ist. Sie sagt: Gott sieht alles. Sie sagt, sie hat Angst, dass die schlechte Stimmung wieder kommt, wenn ich schweige, und meint damit meine Inselmomente, wenn ich versuche, eine Mauer um mich zu bauen und meine Anspannung zu regulieren. Ich schrumpfe zusammen, wenn sie mich umarmen will. Verschwinde in der Außenperspektive. Sie hört nicht auf zu fragen und ich höre nicht auf „Nein“ zu sagen. Sie fordert mich auf zu reden. Sie fragt: Willst du was? Ich möchte nett sein, doch ich kann nicht mehr. Ich schlucke meinen Ärger herunter oder er äußert sich auf anderen Wegen. Das alles verschweige ich ihm. Es gibt wichtigere Dinge zu besprechen. Lamentieren kann ich auch alleine.

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