#23 Zerbrechlich

„Wir müssen bereit sein zu sehen, daß der Eindruck von Realität, den eine Darstellung erweckt, ein zartes, zerbrechliches Ding ist, das durch das kleinste Mißgeschick zerstört werden kann.“ – Erving Goffman – Wir alle spielen Theater

Du gibst Acht, dass du deine Rolle richtig spielst, dass dir kein Missgeschick passiert, dass du Vorder- und Hinterbühne nicht verwechselst. Hinter dem Vorhang nimmst du die Maske, die du für dein Publikum aufgesetzt hast, ab. Darunter verborgen bist nicht du, sondern eine weitere Inszenierung deiner selbst.

Du kannst Maske um Maske ablegen, doch darunter bleibt dein wahres Gesicht stets verborgen.

Du bist die Summe deiner Rollen.

„Sie war eine ausgezeichnete Schauspielerin und konnte vor Publikum leicht eine andere Rolle spielen, aber wenn die Vorstellung vorüber war, fiel sie einfach in die alte Haltung zurück und verließ die Bühne so, wie sie gekommen war.“ Irvin D. Yalom/Ginny Elkin – Jeden Tag ein bisschen näher

Manchmal verrätst du dich. Dann blickt da etwas durch, das du eigentlich verbergen wolltest. Du bist irritiert und versuchst es zu verheimlichen, es irgendwie unter den Teppich zu kehren. Doch da wurde es längst entdeckt. Aus Respekt vor dem Schauspiel und vor der Integrität deiner Person lässt nur ein kurzes Aufblitzen in den Augen oder ein angedeutetes Schmunzeln beim Gegenüber erahnen, dass du aufgeflogen bist. Dein Gegenüber gibt dir die Möglichkeit nahtlos wieder in deine Rolle zu schlüpfen, damit der korrekte Ablauf des Bühnenstücks nicht gefährdet wird.

Manchmal schlüpfst du ganz bewusst aus deinem Kostüm, streifst es für kurze Zeit ab, veränderst Mimik und Gestik. Das ist, was dich authentisch macht. Das ist, was dir Attraktivität verleiht. Ein performativer Akt, der wie ein unbeabsichtigtes Stolpern aussieht, zum Beispiel. Dann lässt du deinen Charme spielen und keiner ist mehr sicher.

Manchmal zerbricht dir etwas zwischen deinen zitternden Händen, die deine Nervosität sichtbar machen. Dann scheint eine andere Wirklichkeit in den Zwischenräumen der Scherben durch. Ich lege Durchpauspapier darüber und zeichne ein Abbild davon, das ich behutsam falte und fortan in meiner Geldbörse bei mir trage. Die Zeit lässt das Papier an den Knickfalten auseinanderfallen. So ist das mit Gebrauchsgegenständen. Denn das war sie, unsere Realität als Zeichnung auf Backpapier.

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