Bilder sprechen Bände: Selbstermächtigung durch Storytelling

Da liegt er, der Ausstellungskatalog, aus einer Kiste gerettet. War das pdf-Dokument schon eindrucksvoll, ist dieses Adjektiv für das, was nun vor mir liegt, untertrieben. Liebevoll arrangiert, mit ganz viel Herzblut, Empathie und Leidenschaft zusammengestellt. Das Buch liegt schwer in den Händen, das Cover und die Seiten sind streichelzart.

Queering Sápmi, das ist ein Projekt, das den Stimmen samischer LGBTQI einen Raum verschafft, wo sie sonst doppelt verstummen mussten. Die Sámi, das ist eine der ethnischen Minderheiten Europas, deren Geschichte ähnlich der der Roma durchwoben ist mit romantisierenden Darstellungen und stigmatisierenden Handlungen. Die Sámi sind die Indigenen unseres Kontinents, mit eigener Kolonisierungs- und Dekolonisationsgeschichte. Die Sámi sind Menschen wie du und ich, mit denselbe Sorgen und Nöten, Wünschen und Träumen wie alle anderen auch – und zusätzlich bepackt mit einem kollektiven Gedächtnisrucksack, der ihnen ganz eigen ist und den sie doch auch mit anderen indigenen Ethnien teilen. LGBQTI sind Menschen, die jenseits der Heteronormativität und binärer Geschlechtersysteme leben und lieben. Frauen, die Frauen lieben. Männer, die Männer lieben. Frauen, die sowohl Männer als auch Frauen lieben, und Männer, die dasselbe tun. Frauen, die als Männer, und Männer, die als Frauen gelesen werden. Und viele, viele mehr, denn die Vielfalt der Menschen, die Queering Sápmi porträtiert, ist so bunt wie eine Gesellschaft es nur sein kann.

Seit Jahren möchte ich über das Projekt von Sara Lindquist und Elfrida Bergman schreiben und scheiterte jedes Mal daran, der Ambitioniertheit, Vielfalt und Lebendigkeit des Projekts, des Buchs, der Photografien, der Menschen und ihrer Geschichten nicht gerecht werden zu können. Nun habe ich mich für ein anderes Format entschieden: Nach und nach werde ich hier von meinen Leseerfahrungen berichten. Denn Menschen sollte man ganz langsam begegnen, wenn man sie kennenlernen möchte, und das gilt auch für Bücher.

Wer über Andere schreibt, hat großen Einfluss darauf, wie diese gelesen bzw. gesehen werden. Das Bild das im Kopf der Leser_innen entsteht, wird dabei nicht nur durch deren Lesart geprägt, sondern auch durch den Hintergrund, den Stil und die Motivation der_s Schreibenden. Wer schreibt, hat jedoch nicht nur die Macht, ein bestimmtes Bild zu erzeugen – durch das Schreiben können Menschen sichtbar gemacht und Diskriminierungsstrukturen durchbrochen oder zumindest aufgedeckt werden. Dies hat sich ein Projekt in Skandinavien zu eigen gemacht.

Die Fensterscheiben der Eingangstür des rot gebeizten Holzhauses reflektieren die Schneelandschaft, Berge zeichnen sich schemenhaft auf dem Glas ab und versperren so den Blick ins Innere des Gebäudes. Auf der Veranda tummeln sich Sitzgelegenheiten verschiedenster Art: Plastikstühle, eine Bank, ein Baumstumpf, zwei Lehnstühle. Ein Flickenteppich führt zur Treppe, auf deren oberster Stufe sich Stefan positioniert hat. Es könnte beinahe gemütlich sein.

Doch Stefan trägt, den Minusgraden trotzend, lediglich ein enges, dunkles T-Shirt, kurz über den Knien endet der schwarze Minirock. Auf den Knien ruhen überkreuzt die Hände, deren Fingernägel lackiert sind. Eine Netzstrumpfhose endet in legeren Turnschuhen. Stefans Augen blicken hinter der Brille geradeaus, direkt in die Kamera, dem Betrachter entgegen.

Zwei Jahre sind die Kulturwissenschaftlerin Elfrida Bergman und die Fotografin Sara Lindquist durch Skandinavien gereist und haben Menschen wie Stefan, die mit gesellschaftlichen Normen brechen, für ihr Projekt Queering Sápmi porträtiert. Dabei sind eine Ausstellung und ein eindrucksvolles Buch entstanden. Die Fotos und Begleittexte zeigen, wie die Vielfalt queerer Lebenswelten sichtbar gemacht und das Konzept der Intersektionalität durch eine andere Brille betrachtet werden können. Die Protagonist*innen definieren sich selbst als queere Angehörige einer ethnischen Minderheit. Sie sind jung oder alt, leben offen oder verdeckt als schwule, lesbische, bisexuelle oder heterosexuelle Männer, Frauen oder Trans*, mit Kindern, Partnerinnen, Familie oder alleine und sind alle irgendwie samisch.

Ich will dazu beitragen, Möglichkeiten zu eröffnen, für das, was man als samischer Mann machen kann“ – Stefans Handschrift ziert eine der nächsten Seiten des Bildbandes. Der Politiker hatte sich offiziell als queer geoutet und nicht nur eine große Medienresonanz, sondern auch Rückhalt und Respekt bekommen. Das ging nicht allen Teilnehmer_innen so. Mit ihrem Projekt begaben sich Elfrida und Sara in eine sehr stark von Heteronormativität durchwobene samischen Community.

Hard Joik Kafé steht auf dem schwarzen T-Shirt, darüber trägt Chris ein Karohemd. Seine blauschwarzen, kinnlangen Haare schauen unter einer schwarzgelb gestreiften Mütze hervor. Chris‘ rechte Hand ziert ein Skorpion. Der Nagellack auf den Fingernägeln ist abgesprungen, Hände und Augen konzentrieren sich auf die E-Gitarre. Chris‘ Beine stecken in einer weißen Hose und versinken in der Matratze des Bettes, neben dem ein Laptop auf einer hölzernen Kommode steht.

 

Queering Sápmi bricht und spielt mit Stereotypen, de- und rekonstruiert sie, und ist somit nur bedingt selbst als (ver)queer(end) zu bezeichnen. Das Projekt bewegte sich innerhalb legitimierter Diskurse – und erhielt zudem Förderung – , nähert sich ihren Rändern, um Normativität auszuweiten, auszudehnen, das Nicht-Sichtbare, Nicht-Sagbare abzubilden und dadurch zu normalisieren.

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