#10 Abgehängt | DBT I

SplitShire-7903

An der Wand im Büro der Psychologin hängt die gleiche Karte wie an meiner.

Es ist
wie es ist.

Wer radikal akzeptiert, was nicht zu ändern ist – die Vergangenheit, nicht vorhandene Gefühle, den Wunsch nach Abstand – der fährt damit besser. Ist gesünder für dich, mich, uns und alle anderen.

Du hast mich längst abgehängt, wie Weihnachtsschmuck im Januar, wie in der Kindheit gewonnene Medaillen, wie getrocknete Wäsche, einen abgelegten Pullover, und sorgfältig in Kisten verstaut, knitterfrei zusammengelegt. Nun lege ich dich weg, fein gestapelt, meine Erinnerungen.

„Was ist bloß passiert, im Jahr 2010? Was hat Sie so aus der Bahn geworfen?“

Ich bin ein Rätsel, das ich selbst nicht lösen kann. Es ist mir ein Rätsel. Um die Ecke gedacht und deshalb so kompliziert. Warum nicht ein Jahr zuvor, als meine Mutter starb? Warum so nebenbei, während ich Ungarischvokabeln lernte? Was hat da knacks gemacht und wieso? Es ist wie es ist und nun lege ich es zur Seite, schaue in eine andere Richtung, lebe damit und richte es mir ein, richte mich ein, richte nicht mehr über Vergangenes.

Der Gewürzhändler bittet mich, die Münze, die ich ihm im Austausch für den chinesischen Ingwer, geschnitten, da lasse, auf den Verkaufstresen zu legen. Keine Berührungspunkte schaffen. Ich bin ein Eindringling in diesem kleinen Laden, in dem ich überlege, Berberitzen zu kaufen oder Kardamom. Es ist Kapuzenpulliwetter, vielleicht auch Übergangsjackenwetter, auf jeden Fall spürt man den nahenden Herbst auf der Haut, er kriecht durch die Kleidungsschichten.

Ich möchte mehr vom Leben als das Zittern und Beben. Ich möchte rennen und staunen, mich verlaufen und verirren, hadern und zaudern, mich umdrehen und verstecken. Ich möchte umarmen und necken, wecken und zudecken. Anecken. Ich möchte mich raufen, mit dir, mir die Haare und mich zusammen. Zerbersten und ganz werden. Mich spüren, jede Pore, jede Zelle, jeden Quadratmillimeter Haut, jeden Nerv. Jeder Nerv soll zum Erklingen gebracht werden und dann sanft streichelnd beruhigt.

Neben mir rollt sich der Kater auf dem Stuhl zusammen. Ich fahre mit meiner Hand durch sein weiches Fell. Zähle die Haare und seine Atemzüge. Oder tue bloß so. Der Geschmack von Ingwer breitet sich auf meiner Zunge aus. Auf den Einkaufszettel schreibe ich: Wasabi, Harissa, Nelkenöl.

In meinen Ohren klingt nach: Habibti.

Anmerkung: Die dialektisch-behaviorale Therapie, kurz DBT, richtet sich an Menschen, die lernen wollen, mit ihren Emotionen, mit Stress und mit Spannungszuständen umzugehen. Dabei helfen sogenannte Skills/Fertigkeiten – das kann alles sein, was kurzfristig hilft ohne langfristig zu schaden. Zum Beispiel scharfe Dinge essen oder sich schöne Erlebnisse schaffen.

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