#7 Flecken

Das Dröhnen meines Kopfes verdanke ich der sich anbahnenden Erkältung. Ich gehe durch die Passage, vorbei an den letzten Vorbereitungen für das Theaterstück heute Abend*, Kinder schleppen rote Wolldecken durch die Gegend. Meine Haut wird mir zu eng, als ich weitergehe, ich möchte sie sprengen, weil sich meine Muskeln ausdehnen und meine Arme wieder einmal unruhig werden. Meine Füße können sich nicht fest genug in den Boden bohren. Beinahe keuche ich ob der geringfügigen Steigung der Straße zum Park, in dem Lyriker*innen ihre Werke vortragen. Zu nass für ein Festival, beschließe ich, klar, nur eine Ausrede, und gehe vorbei, zurück, wieder nach Hause, ohne ein Wort gehört zu haben. Ich verkrieche mich wieder, gebe dem Wetter oder der Erkältung die Schuld daran, dass ich dem kulturellen Leben der Stadt ein ums andere Mal ausweiche.

Heute morgen klebte ich ein Fensterbild an die Scheibe. Ein Oscar Wilde-Zitat in Spiegelschrift ist nun von der Straße aus zu sehen. Meiner Wohnung fehlen Wein- oder Obstkisten, um das Klischee perfekt zu machen. Lange genug habe ich Wohnzeitschriften studiert um mir durch die Inneneinrichtung die Geborgenheit zu holen, die ich mir von den Armen eines anderen Menschen wünsche. Viele Phasen mussten meine vier Wände und ich durchlaufen, bis wir uns endlich wohl fühlen konnten, miteinander. Bis aus der Höhle, in der ich mich zitternd und bebend zusammenkauerte und -krümmte, das Zuhause einer Thirtysomething wurde.

Morgens, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel durch das Küchenfenster scheint, reflektieren die kleinen, runden Spiegel meiner Hängedekoration, werfen Flecken und Momente der Glückseligkeit in den Raum. Auch ein frisch gebrühter Kaffee hat diesen Effekt.

Überall in der Wohnung erinnern mich Flicken an die Zerbrechlichkeit der Welt. Bücher und Bilder nehmen mir das Reisen ab. Auf einem Regal über der Zentralheizung mahnt ein chinesisches Schriftzeichen zu „leben“.

Manchmal wünsche ich mir, dass meine Wohnung einer zweiten Person, einem anderen Menschen, ein Zuhause bietet. Dass wir gemeinsam über all das staunen, mit dem wir uns umgeben. Dass wir gemeinsam mit den Augen rollen, wenn die Gespräche des Freiluftfriseurs ins Zimmer dringen.

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*Informationen zum Boat People Project gibt es hier: http://www.boatpeopleprojekt.de/home/

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